Massenorganisation des Tages: Henry-Kissinger-Preis

Von Arnold Schölzel in „Junge Welt“

Das wurde aber auch Zeit. Helmut Schmidt hat ihn, Helmut Kohl, Angela Merkel, Wolfgang Schäuble, Hans-Dietrich Genscher, Richard von Weizsäcker und George Bush senior auch. Am Mittwoch abend erhielt laut Ankündigung des Bundespräsidialamtes Frank-Walter Steinmeier in New York den Henry-Kissinger-Preis. So wurden zwei lebende Legenden beim Arrangement von Faschistenputschen und Flächenbombardierungen einander zugeführt. Kissinger ließ 1973 in Chile Salvador Allende beseitigen, Steinmeier erledigte Analoges im Februar 2014 in Kiew. Kissinger dehnte Anfang der 70er den US-Völkermord in Vietnam auf Laos und Kambodscha aus, Steinmeier koordinierte im deutschen Kanzleramt die Beteiligung beim Zertrümmern von Jugoslawien 1999, von Afghanistan ab 2001. Echte Transatlantiker.

Wer solche Verdienste um Krieg und Elend hat, entgeht nicht dem Orden, der vom jetzt 99jährigen Namensgeber gestiftet wurde. Die Verleihung fand laut Programm mit passender Figurendekoration statt: Kissinger, zu dessen Verhaftung wegen Kriegsverbrechen vor zehn Jahren noch große Anzeigen in Berliner Tageszeitungen aufriefen, sollte eröffnen. Die Laudatio wollte Condoleezza Rice halten. Das ist jene liebenswürdige Lady, die für George Bush junior vor rund 20 Jahren den »neuen Mittleren Osten« schuf. Das kostete lediglich ein paar Millionen Tote und Vertriebene von Syrien bis Pakistan. Steinmeier kann in seiner Dankesrede erläutern, wie er den Bremer Murat Kurnaz jahrelang in Guantanamo Bay schmoren ließ, obwohl selbst die dortigen US-Folterprofis Kurnaz loswerden wollten. Steinmeier störte das bislang nicht, neuerdings aber hat er Erscheinungen. Am 28. Oktober bekannte er, das »Angesicht des Bösen« erblickt zu haben. Es war russisch, und seitdem hat der Bundespräsident Metaphysik, aber keinen Schlaf. Ein Kissinger-Orden ist die beste Therapie.

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